Die vergessene Seite der Restrukturierung: Warum Führung über Erfolg oder Scheitern entscheidet

InterviewAdministration

29. Juni 2026

HRnetworx

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Von Tjalf Nienaber

In den vergangenen Wochen wird viel über Restrukturierung gesprochen. Genauer gesagt über Kosten, Stellenabbau, Effizienzprogramme und wirtschaftlichen Druck. Worüber deutlich weniger gesprochen wird, sind die Menschen.

Genau darüber habe ich mit Arne Prieß, Geschäftsführer der HR Contrast GmbH und Restrukturierungsexperte, gesprochen. Ein Gedanke aus diesem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben: Die meisten Restrukturierungen scheitern nicht am Arbeitsrecht. Sie scheitern an mangelnder Führung.

Restrukturierung beginnt früher als viele denken

Viele Unternehmen verbinden Restrukturierung mit Kündigungen. Tatsächlich beginnt der Prozess jedoch häufig viel früher – nämlich in dem Moment, in dem die ersten Gerüchte entstehen.

Mitarbeitende spüren sehr schnell, wenn etwas nicht stimmt. Gespräche werden vorsichtiger, Entscheidungen werden verschoben und Führungskräfte wirken angespannter. Die Folge: Unsicherheit entsteht. Und Unsicherheit kostet Energie.

Während Unternehmen gerade in schwierigen Zeiten die volle Leistungsfähigkeit ihrer Teams benötigen, beschäftigen sich viele Mitarbeitende innerlich bereits mit anderen Fragen: Bin ich betroffen? Wie geht es weiter? Was bedeutet das für meine Familie?

Menschen reagieren nicht rational

Viele Führungskräfte unterschätzen die emotionale Wirkung von Trennungen. Aus Unternehmenssicht handelt es sich oft um eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Für die betroffene Person kann es jedoch ein massiver Einschnitt im Leben sein.

Arne berichtete von Situationen, in denen selbst sehr leistungsstarke Mitarbeitende nach einem Trennungsgespräch regelrecht unter Schock standen. Wer Restrukturierung professionell gestalten will, muss deshalb verstehen: Menschen reagieren nicht ausschließlich rational. Sie reagieren mit Unsicherheit, Wut, Enttäuschung oder Angst. Genau diese Reaktionen beeinflussen das gesamte Unternehmen.

Diejenigen, die bleiben, entscheiden über die Zukunft

Besonders spannend fand ich einen Aspekt, der häufig übersehen wird. Die meisten Unternehmen konzentrieren sich auf die Mitarbeitenden, die gehen müssen. Viel zu selten wird über diejenigen gesprochen, die bleiben.

Dabei beobachten diese sehr genau, wie ihre Kolleginnen und Kollegen behandelt werden. Sie fragen sich: Kann ich meinem Arbeitgeber vertrauen? Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wäre ich beim nächsten Mal betroffen?

In der Organisationspsychologie spricht man vom sogenannten Survivor-Syndrom. Wer dieses Phänomen unterschätzt, riskiert sinkende Motivation, schwindende Loyalität und letztlich den Verlust wichtiger Leistungsträger.

Warum New Placement kein Luxus ist

Viele Unternehmen betrachten die Begleitung ausscheidender Mitarbeitender noch immer als freiwillige Zusatzleistung. Aus meiner Sicht ist das ein Denkfehler.

Professionelle New-Placement-Programme helfen nicht nur den Betroffenen. Sie senden gleichzeitig ein wichtiges Signal an die verbleibende Belegschaft: Wir übernehmen Verantwortung. Wir behandeln Menschen respektvoll. Wir lassen niemanden allein.

Genau solche Signale entscheiden darüber, wie eine Organisation nach einer Restrukturierung wahrgenommen wird.

Restrukturierung ist Chefsache

Ein Punkt war Arne besonders wichtig: Restrukturierung ist keine Aufgabe, die an HR delegiert werden kann.

HR spielt eine zentrale Rolle. HR strukturiert Prozesse, unterstützt Kommunikation und begleitet Führungskräfte. Die Verantwortung bleibt jedoch beim Management.

Gerade in schwierigen Zeiten müssen Führungskräfte sichtbar sein. Sie müssen Entscheidungen erklären, Orientierung geben und Verantwortung übernehmen.

Mein Fazit

Viele Unternehmen konzentrieren sich in Restrukturierungsphasen verständlicherweise auf Zahlen, Kosten und Effizienz. Doch am Ende entscheiden nicht Excel-Tabellen über den Erfolg einer Restrukturierung.

Entscheidend ist, wie Menschen geführt werden.

Wer Vertrauen erhält, offen kommuniziert und Mitarbeitende professionell begleitet, schafft die Grundlage für einen erfolgreichen Neustart. Wer dagegen ausschließlich auf kurzfristige Einsparungen setzt, riskiert langfristige Schäden für Kultur, Reputation und Leistungsfähigkeit.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, wie viele Stellen abgebaut werden – und mehr darüber, wie wir mit den Menschen umgehen, die davon betroffen sind.

Dieser Beitrag wurde durch ein Gespräch mit Arne Prieß, Geschäftsführer der HR Contrast GmbH und Experte für Restrukturierung, Transformation und Führung, inspiriert.

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